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Der Rückzug ins Private. Die neue Biedermeierzeit hat begonnen
Von Philipp | 4.Februar 2010

Wer an den Biedermeier denkt, denkt an Kunst, einfache Einrichtungen, Kleinbürgertum, altbackene und konservative Lebensmodelle. Doch sollte man sich angesichts der immer geringer werdenden Wahlbeteiligung, des schnellen Wegsterbens der Parteimittglieder und der stetig zunehmenden allgemeinen Frustration und Politikverdrossenheit an den ursprünglichen Charakter der Biedermeierzeit erinnern: an den Rückzug breiter, gebildeter, politischer und patriotischer Bevölkerungsteile in das eigene Privatleben, weg von Politik und übergeordneten Belangen und Interessen als Reaktion auf die verweigerte Deutsche Einheit, auf die Stagnation und fehlende Möglichkeit der eigenen politischen Beteiligung.
Immer weniger Menschen sind politisch aktiv, die Jugend ist noch für einzelne Aktionen und Vorhaben zu begeistern – doch endet diese Aktivität meist schnell und ohne die gewünschten Folgen. Die Mitgliederzahlen der Parteien werden immer kleiner, die Deutschen beteiligen sich von Wahl zu Wahl weniger am politischen Prozess.
Die allgemeine Unzufriedenheit mit den Parteien und Politikern wächst ständig und hat schon lange den Bereich einer gemäßigten und nur vereinzelten Kritik verlassen – offen wird heute in jeder Schicht, in jeder Berufs- und Bildungsgruppe der Charakter amtierender Politiker als überwiegend negativ bewertet, werden Entscheidungen nicht mehr verstanden, wird das System als solches zunehmend kritisch gesehen. Verstärkt wird diese Entwicklung von dem Misstrauen der Politiker gegenüber der Deutschen selbst: Volksabstimmungen und Voten werden nicht zugelassen, sind nicht gewünscht.
Hinzu kommt der oftmals signifikante Unterschied zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung; nicht selten berichten die Medien in einer Weise über Ereignisse und Entwicklungen, die von der Masse der Menschen nicht geteilt wird. Onlineabstimmungen werden wenn sie nicht den gewünschten Ergebnissen entsprechen auch von großen Qualitätsmedien gesperrt oder manipuliert, Befragungen werden nicht selten suggestiv gestellt, Ergebnisse verschwiegen. Die Vorselektion von Wissen verschärft zunehmend die Verdrossenheit der Menschen.
Der Gegensatz zwischen den hoch gehaltenen Idealen der Demokratie und der Aufforderung, sich zu beteiligen und wählen zu gehen steht in fundamentalem Gegensatz zur Informationspolitik und zu den tatsächlich eingeräumten Mitwirkungsmöglichkeiten für die Bürger.
Als Folge dessen ziehen sich immer mehr Menschen in das Privatleben zurück, werden nicht unpolitisch, aber erkennen keine reale Mitwirkungsmöglichkeit mehr, gehen in die Masse der Nichtwähler ein, brechen als Stütze des demokratischen Systems weg. Eine neue Biedermeierzeit hat in Deutschland begonnen. Wie sie dieses Mal endet liegt auch am Verhalten der Politiker.
Topics: Kultur | 12 Kommentare »















4.Februar 2010 at 06:16
Ja, das Volk war in der Biedermeierzeit verarmt. Die Schuldenlast der napoleonischen Besatzungszeit drückte die Gemeinden, Städte und Länder. Manche Gemeinden des Fürstentums Weimar zahlten bis Anfang des 20 Jahrhunderts an den Schulden die ihnen der damalige Freiheitsbringer Napoleon auferlegte, anderen wird es ählich ergangen sein. Der Blutzoll des Deutschen Volkes war hoch, teils in der Verteidigung gegen den “Befreier”, teils wegen der Teilnahme, freiwillig oder zwangsweise, an den Kriegen des Eroberers. Allein Bayern zahlte mit 30 000 seiner Söhne für die Teilnahme am Rußlandfeldzug. Ein ewiger Makel an den Pfälzer Wittelsbachern.
Wieso wurden diese Schulden eigentlich nach der Niederlage Frankreichs nicht den Franzosen aufgebürdet?
Gott sei Dank schwinden die Mitgliederzahlen der Parteien, die Parteien sind ein Grund für das Übel unserer Zeit.
Der Parlamentarismus zeigt deutlich die Widersprüche zwischen Demokratie und Parlamentarismus. Der Parlamentarismus wird nicht mehr als demokratisch empfunden, was er auch nicht ist. Der Parlamentarismus konnte die Erwartungen nicht erfüllen.
Hochgehaltene Demokratie und die einzige Möglichkeit sich demokratisch zu beteiligen sind Wahlen, das ist einfach zu wenig Demokratie. Zumindest müssten Abgeordnete wieder abberufen, auf Aussagen festgelegt werden können, die Kanditatenkür müsste direkt durch das Volk erfolgen nicht durch die Parteien etc. etc..
Mit der Biedermeierzeit hat unsere Zeit nur Verarmung des Volkes gemeinsam und die hohe Schuldenlast.
Im Privaten verweilt der Deutsche immer, ob er nun Mitglied einer Partei ist oder nicht, meist ist er sowieso nur eine “Karteileiche”. In die Öffentlichkeit geht der Deutsche nur, wenn es wirklich brennt ansonsten gilt für ihn das Prinzip Leben und leben lassen, sich um die eigenen Belange kümmern, wenn man ihn nur lässt. Eigentlich sind wir ein ganz gemütliches Volk.
In dieser Zeit fanden große Dinge statt, im positiven Sinne, im Gegensatz zu heute. Dichter und Denker waren in großer Zahl vorhanden und tätig.
Goethe, Fichte, Hegel, Schlegel, die Gebr. Grimm, Friedrich von Gentz, Frhr. vom Stein, v. Hardenberg und viele andere.
Diese Leute haben wir heute nicht ansatzweise, ihre Arbeit wurde ge- und zerstört, daran war das Parteienwesen nicht ganz unschuldig. Aber es ist wie es ist, es lohnt nicht über verschüttete Milch zu trauern.
An diese Traditionen müssen wir wieder anknüpfen, dort beginnen wo sie aufgehört haben, vor allem Schriften aus dieser Zeit lesen, kennenlernen welcher Reichtum uns verlorenging. Teilweise sind ihre Schriften nur noch im Antiquariat erhältlich. Wenden wir uns der Elite der vergangenen Zeit zu um ihren Schatz für die Zukunft zu retten, dann haben sie nicht umsonst gelebt.
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4.Februar 2010 at 07:45
@Bauer Gerhard
100% Zustimmung.
Nur sehe ich leider keinen in unserem Land der ansatzweise in der Lage ist an die Traditionen anzuknüpfen.
So lange auch CDU Politiker sich vehement gegen mehr Demokratie, z.B. Volksentscheide, Öffentliche Debatten zu bestimmtren Themen, Aussprechen von “Wahrheiten” stellen wird das nichts. Ich erlebte es bei eine MdB. Vor der Wahl, ja das übliche. Ab dem Tag als er dann im Bundestag saß, wesensfremd, abgehoben. Eine neue Sprache, nur zum heulen. Diese Leute machen dann alles kaputt. Dann habe ich Veranstaltungen mit ihm organisiert, das war nur noch peinlich. Früher sprach er so was von Klartext, und heute? Nicht ja nicht nein. Nur aufgeweichter Blödsinn. Und die Gäste schauen mich an und fragen was mit dem denn los sei.
Viele Abgeordnete haben die Bodenhaftung und die Ehrlichkeit verloren. Im Parlament gibt man an der Tür seinen Verstand ab, bekommt statt einer Garderobenmarke einige tausende Euros, und dann ist es gut.
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4.Februar 2010 at 08:33
@Exilsachse
Die Abgeordneten müssen dem Wähler verpflichtet sein, das wäre demokratisch.
Nach der Wahl nur dem eigenen Gewissen verpflichtet zu sein (Menschen ändern sich, die Wähler hben keine Möglichkeit auf Änderungen zu reagieren etc.) oder gar der Partei- und Fraktionsdisziplin hat mit Demokratie nichts aber auch gar nichts zu tun.
Die Regierung kann jederzeit durch das Parlament abgelöst werden (zumindest theoretisch), das Parlament kann jedoch vom Wähler vor der gegebenen Zeit nicht abgelöst werden. Das ist schon einmal ein Bruch des demokratischen Prinzips.
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4.Februar 2010 at 08:40
Wenn heute ein Rückzug ins Privatleben zu verzeichnen ist dann sind die gesellschaftlichen Zustände der Auslöser dafür. Und für die gesellschaftlichen Zustände sind unsere Volkszertreter verantwortlich. Der Neu-Bundesbürger
wird in diesem Verhalten eine gewisse Parallele zur DDR erkennen. Dort nannte man den Rückzug ins Private ” innere Emigration “. Dieser Zustand war aber nicht von Dauer und führte schliesslich zum Aufbegehren des Volkes. Also besteht noch Hoffnung.
Karl Schippendraht
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4.Februar 2010 at 08:54
Dieser Zustand war aber nicht von Dauer und führte schliesslich zum Aufbegehren des Volkes. Also besteht noch Hoffnung.
Sehe ich auch so. Siehe 1848 eben nach der Biedermeierzeit, oder 1989 nach der Erichzeit. Da war bei uns Deutschen immer eine kleine Revolution drin. Vielleicht klappts ja dann auch nach der Merkelzeit? Zeit wärs ja, höchste Zeit.
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4.Februar 2010 at 10:45
Ulli meint:
4.Februar 2010 at 08:54
Die Deutschen sind halt eben keine geborenen Revolutionäre wie die Franzosen, die Spanier oder die Italiener.
Diesen Umstand des “schlafmützigen Michels” hat schon Heinrich Heine bitter beklagt.
Deswegen zieht sich der “moderne deutsche Michel” ganz ins Private zurück. Die DDR II lässt grüßen!
Und es gibt ja noch eine weitere Parallele zur DDR: Jahr für Jahr verlassen rd. 170.000 qualifizierte (davon mehr als 50 Prozent des Akademiker Nachwuchses) Deutsche ihre Heimat in “die äußere Emigration”, weil sie die Schnauze voll haben oder weil sie für sich und ihre Familien eine bessere Zukunft in der neuen Heimat sehen.
Zu DDR Zeiten nannte man dies “Abstimmung mit den Füßen”!
Unsere mit sich selbst beschäftigten “politischen Eliten” hören jedoch nicht die Signale.
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4.Februar 2010 at 11:45
Das System muss verändert werden, das merken viele Leute, nur WIE? Die politische “Klasse” entmachtet sich doch nicht selbst, wo ist die geistige Avantgarde, die das fordert? Im System mit verstrickt? Mit Sicherheit. Banditen arbeiten offen (CD) mit Politikern, Wirtschaftsfunktionären, Medienvertretern und Prominenten zusammen, alles ein Filz, man sieht es im Fernsehen, wie überall dieselben geistlosen Gestalten aufeinandertreffen.
Man spürt beinahe körperlich, wie sich die Kluft immer weiter auftut zwischen uns Menschen und der herrschenden politischen Ebene, von Klasse mag man angesichts dieser Jammergestalte nicht mehr sprechen, ohne dass einem furchtbar schlecht wird, man spürt nur noch kalte Wut wegen der Machtlosigkeit. Ich werde mich künftigen Wahlen verweigern in der Hoffnung, dass diese wegen mangelnder Beteiligung für ungültig erklärt werden, ansonsten bin ich bereits ins Private abgetaucht, die Idee auszuwandern habe ich aufgegeben seit der organisierten Völkervermischung und allgemeinen Wertelosigkeit, die man dann überall auf dem Globus antrifft.
Der geistige und moralische Verfall erfolgt global und nimmt immer größere Geschwindigkeit an.
Was kommt danach? Orwells Visionen von 1984 oder stoppt jemand den Irrsinn?
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4.Februar 2010 at 12:08
@Bauer, Gerhard
In der heutigen Zeit beginnt man Freiheitshelden dieser Zeit wie Ernst Moritz Arndt zu schleifen, dagegen wird der Schlächter Napoleon verklärt.
Kurzeintrag aus Twitter kopiert:
@fdphgw #FDP #Forum diskutiert über #Napoleon und #Ernst_Moritz_Arndt http://snipurl.com/u90kd, #Uni #Greifswald
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4.Februar 2010 at 17:58
Der Bauer
hat schon recht,
mit Biedermeier hat das,
was heute so abgeht und uns allen
dräut nicht allzu viel zu tun.
Damals wollte das Volk
‘modern’ und die
Fürsten wollten
alles so belassen,
während heute die großen
Umkrempler die Politiker sind
mit ihren Abräumkommandos von überall her…
Bei Biedermeier fallen mir automatisch
diese Szenen ein, einmal bei
Jowo Goethe im Faust:
“Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
Wenn hinten, weit, in der Türkei
die Völker aufeinander schlagen.”
und dann noch diese Zeilen
aus dem Datterich,
denn damals ging’s in mancherlei
Beziehung ausgesprochen gemütlich zu:
Dummbach – Während dem Des vorgeht, sitzt der Suldan in seim Diwan un lacht ins Feistche. Der baßt blos druf, bis sich ganz Eiroba an de Kepp hot: dann kimmt er. Mir erläwe’s net, awwer sie wern sähe, daß ich recht hob: in fufzig Johr sinn mer all Derke!
Datterich – Der Deiwel, do derfe mer ja kahn Wei mehr drinke!.
…..
Steht wos Neies in der Zeidung?
Dummbach – Do steht so Ebbes von dene Konstandenobelidanische Bäcker.
Frau Dummbach – Gibt’s dann dort aach Bäcker?
Dummbach – Wose Froog!
Frau Dummbach – Ich mahn doch, dort gehbt’s kah Christe.
Dummbach – Als wann die Derke dort lauder Bisgewitt un Makrone fresse dehte. Wie dort Ahner zu leicht Brod vakaaft, werd er mi’m schullige Ohr an de Dohrposte genähjelt.
Knippelius – Wann Des hier aach so wehr, do deht mancher Bäcker Ohrring draage, wo-em die Bolezei des Ohrloch dazu gestoche hett.
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4.Februar 2010 at 18:07
@eo
1A-Darmstädter Blatt, gratuliere, habe keinen Fehler finden können.
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4.Februar 2010 at 21:36
Für mehr Farbe im politischen Alltag und
Abkehr vom Biedermeir-Verhalten sorgt
http://www.demokratielieder.de. So haben viele CDU-Politiker die Demokratielieder für die Mitglieder-
werbung und bei Wahlkämpfen erfolgreich eingesetzt.
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5.Februar 2010 at 07:01
Die deutschen sind keine Revolutionäre, Gott sei Dank. Wer sollte die Arbeit machen, wenn dauernd irgendwelche Typen die nächste Revolution ausrufen.
Wenn jemand den fehlenden Revolutionswillen beklagt, dann meint er sicher nur eine Revolution in seinem Willen, es kann aber auch immer andersherum gehen, des Volkes Willen ist oft auch sehr wechselhaft und wankelmütig.
Lassen wir uns Deutsche so wie wir sind, nehmen wir die Deutschen von der Spitze weg die uns ummodeln, einhegen und ausdünnen wollen.
Für den Rest brauchen wir keine Revolution.
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