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„Ja“ zu Bologna
Von Gastredner | 11.November 2009

Mit dem Bologna-Prozess wurden in der Bundesrepublik nicht nur die Bachelor- und Masterstudiengänge in die deutschen Hochschulen implementiert, sondern auch verbreitetes Missfallen über die Bildungsreform hervorgerufen, was für gespaltene Lager in der Bildungspolitik sorgte. Vor allem die Studenten klagen über diese Umstrukturierung, aber auch manche Dozenten finden kritische Worte. Ich selbst habe in sechs Semestern so meine eigenen Erfahrungen mit dem neuen System im schwierigen Umbruchprozess gemacht und möchte nun nach erfolgreichem Bachelor-Abschluss zu diesem hier kurz meine Erfahrungen und meinen Standpunkt zu diesem System darlegen. Hauptkritikpunkte, die man immer wieder liest sind vor allem der Umfang der Lehrinhalte, die in der Regelstudienzeit nicht zu bewältigen seien, die geringe Wertschätzungen des Bachelorabschlusses, die es Arbeitssuchenden nach dem Studium schwerer mache und die streng nach wirtschaftlichen Kriterien ausgerichteten Rahmenbedingungen, die zu einer Art „industriellen Produktion“ von Hochschulabsolventen führe.
Um es vorauszunehmen: Ich befürworte dieses neue System. Diejenigen, die lediglich einen Hochschulabschluss anstreben, um sich für den Beruf zu qualifizieren, können sich bereits nach drei Jahren Studium auf den Arbeitsmarkt begeben. Alle anderen, intrinsisch motivierten, die sich für die Lehrinhalte überdurchschnittlich interessieren und damit auch meist die besseren Leistungen erbringen, werden sich vertiefend im Masterstudium weiterbilden. Die damit verbundene, von den Studenten als unangenehm empfundene, Selektion sorgt für Unmut. Dabei wird vergessen, dass uns dieser Selektionsprozess schon seit frühesten Zeiten, etwa bei dem Wechsel zu einer weiterführenden Schule nach der Grundschule oder beim Zulassungsverfahren für das Bachelorstudiums verfolgt hat und uns bei der Arbeitsplatzsuche nach dem Studium noch sehr viel rücksichtsloser einholen wird. Der Grund dieser Selektion ist für die Bewertung des Verfahrens unerheblich, weil das Ergebnis zählt. Zum einem wird „Know How“ schneller und in größerer Anzahl auf den Arbeitsmarkt gebracht, auf dem es an diesem mangelt, zum anderen führt dies zur gerechteren Einstufung der Abschlüsse. Es ist gerecht, dass derjenige, der sich in seinem Studium mehr Mühe gibt, mehr Zeit beim Durchdenken der Inhalte aufwendet und damit im Endeffekt bessere Noten erzielt, als Belohnung einen weiteren, vertiefenden Happen Bildung bekommt. Für alle anderen, die lediglich auf Grund extrinsischer Anreize in Form des Abschlusses und besseren Verdienstmöglichkeiten ein Studium aufnehmen, haben nach drei Jahren harter Arbeit immerhin ihren ersten akademischen Grad. Wer Lehrkapazitäten fordert muss eine Gegenleistung bringen und sich diese mit Ergebnissen verdienen, denn Lehrkapazitäten sind mit der Leistung der Mitglieder unserer Gesellschaft geschaffen, fußen zu einem großen Teil auf deren Fleiß, und müssen effizient eingesetzt werden. Leistungsgerechtigkeit ist ein Begriff, an den man sich in öffentlichen Diskussionen viel zu selten erinnert. Wer hier von Leistungsparanoia und Burnout spricht, der sollte den Schritt ins Berufsleben erst gar nicht wagen. Denn auf dem Arbeitsmarkt ist der Selektionsmechanismus wesentlich härter und die Sanktionen erbarmungsloser als an der Universität. Und wir alle können es den Bachelorabsolventen leichter machen auf diesem zu bestehen, indem wir unsere Kommilitonen dazu aufrufen diesen Abschluss nicht ständig in der Öffentlichkeit, und damit auch in den Augen potentieller Arbeitgeber, in seinem Ansehen abzuwerten. Sollte sich der Bachelor als Standardabschluss nicht Durchsetzen, war Bologna umsonst und alle Bestrebungen würden zu Nichte gemacht. Ganz zu schweigen von der Verschwendung der Mittel, die in einem solchen Fall zu beklagen wären. Neuerungen haben es immer schwer. Ich finde es traurig, dass die Probleme im Umbruchprozess dazu genutzt werden allgemeine Probleme der akademischen Ausbildung auf den Bologna-Prozess zu schieben. Ganz im Gegensatz zu vielen Studenten begrüßt die Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) das zweistufige System und sieht bei konsequenter Umsetzung und Weiterentwicklung große Chancen zur Verbesserung des Bildungsstandortes Deutschland.
Ich habe während meines Bachelor-Studiums sehr hart gearbeitet, um die Zulassungsvoraussetzungen für ein Masterstudium zu erfüllen und es in der Regelstudienzeit erfolgreich zu beenden. Ich habe Studenten kennengelernt, die sich wenig Mühe gegeben haben, sich für ihr Fach gar nicht wirklich interessierten, ihre schlechten Noten auf die schweren Klausuren geschoben haben und finde, dass sich diese Studenten einen Masterstudienplatz nicht verdient haben. Man kann nicht immer alles geschenkt bekommen, sondern muss für manche Ziele kämpfen, auch wenn sich dessen viele Studenten nicht bewusst sind. Es forderte früher ja auch nicht jeder Diplomabsolvent eine Promotionsstelle, weil das Diplom der erste akademische Grad und damit Standardabschluss war. Wir können uns nicht gegenseitig in Watte packen und der Realität versperren. Auch wir müssen unseren Beitrag leisten und dürfen uns nicht in einer „Bildungswolke“ fangen lassen. Ja, jeder hat ein Recht auf Bildung. Doch wenn jemand in den Genuss dieses Rechtes kommt und sich nicht mit dem entsprechenden Engagement erkenntlich zeigt, sondern sich in seinen neu gewonnen Freiheiten verliert, hat er dieses Recht verwirkt. Natürlich ist es schwer sich jeden Tag neu zu disziplinieren, denn Ablenkungen gibt es ja genug. Jedoch ist diese Disziplin das mindeste, das wir unserer Gesellschaft und uns selbst schulden. Ich habe einmal „Gründe für Hochschulstudium“ gegoogelt und musste folgende, entsetzliche Liste auf „studenten-welt.de“ entdecken, die zeigt, dass offensichtlich einige Studenten ihre Zeit eben nicht zur Gestaltung von Bildungsinhalten, sondern ihrer Freizeit nutzen und damit dafür sorgen, dass der in einer breiten Schicht der Bevölkerung schlechte Ruf der Studenten auch auf mich zurückfällt:
- Bessere Jobaussichten
- Freie Zeiteinteilung beim Stundenplan
- Studenten können viele Vorteile wie Rabatte und Ermäßigungen genießen
- Viel Freizeit
- Abgeschlossenes Studium als Statussymbol
- Das Studentenleben ist einfach toll!
- Viele neue Kontakte und Horizonterweiterung
- Man kann in Jobs reinschnuppern
- Als Studenten hat man Zeit zu reisen
- Student sein ist cool
Ich kritisiere hier nicht alle Punkte. Welche ich meine lässt sich aus dem Kontext dieses Artikels sicher deduzieren. Hier meine persönliche Top-Ten:
- Bessere Qualifikation für den Arbeitsmarkt
- Festeres und nachhaltigeres Fundament für die berufliche Zukunft
- Nach dem Studium bin ich in der Lage eine Leistung anzubieten, die auf dem Arbeitsmarkt relativ knapp ist (Fachkräftemangel)
- Persönliche Entfaltung durch selbständiges Gestalten des Studiums
- Freier Zugang zu Information (Bibliotheken, E-Books, Dozenten usw.)
- Zeit zur kritischen Auseinandersetzung mit den Inhalten
- Offenhalten der beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten
- Bessere Verdienstmöglichkeiten
- Flexibleres Zeitmanagement
10. Gesellschaftlicher Status
Ich warne ausdrücklich davor das Recht auf Bildung mit dem Recht auf angenehme Begleiterscheinungen zu verwechseln, die auf Kosten unserer Gemeinschaft dazu geschaffen wurden, um uns Studenten einen möglichst schnellen Abschluss und die „störungsfreie“ kritische Auseinandersetzung mit den uns interessierenden Themen zu ermöglichen. Eine Gesellschaft ohne einen gewissen Leistungsdruck, eines gewissen „gesunden“ Stresslevels und damit einem Zwang zur Veränderung ist nicht überlebensfähig, weil so ein Zustand zu Ineffizienzen und Verschwendung führt. Dem können auch wir Akademiker oder auch angehende Akademiker nicht versperren.
BSc. Christian Ott
Topics: Bildung | 7 Kommentare »





11.November 2009 at 13:13
Ja, der Artikel gefällt mir. Kann ich bestätigen. Ein Punkt ist aber dennoch nicht unwichtig: während wir mit unserem Bildungssystem uns versuchen anzupassen, geht die Reputation des einstmalig weltbekannten Deutschen Lehr- und Bildungssystems flöten.
11.November 2009 at 16:20
Nein zur bologneser Einheitssauce.
Und schon wieder ein Elemtarer Gegensatz zur CDU-Position.
Dennoch richtig: das alte System ist/war massiv reformbedürftig.
Aber: Das neue ist nicht besser sondern schlechter. Das gilt für fast alle o.g. Kriterien.
Das reformbedürftige wurde überhaupt nicht erkannt und beseitigt.
11.November 2009 at 23:26
Das international bekannte deutsche Gütesiegel “Diplom-Ingenieur” aufzugeben, für irgendein Master-Einheits-Gewürge, so etwas können sich nur deutsche Politiker (i.d.R. keine Ingenieure) im Namen eines angeblich notwendigen Vereinheitlichtungsbedarfs aufs Auge drücken lassen. Welch Armutszeugnis!
Made in Germany wollten die Engländer vor etlichen Jahren auch verbieten, das ist Ihnen aber dank weitsichtiger deutscher Politiker nicht gelungen. 100 Jahre später droht dafür Made in EU.
Bologna war und ist ein Fehler.
MfG
Dipl.-Wi.-Ing. Franz Hölzl
11.November 2009 at 23:48
Die EU war und ist ein Fehler.
Dipl.-(irgendwas)
12.November 2009 at 22:27
@3 – FH
Ja, interessanterweise fängt die Wirtschaft, die ja zunächst sehr dafür war, mit dem Bachelor gar nichts an.
13.November 2009 at 03:08
@ Brutus
Eben so ist es eben nicht. Ich habe mich auch mit dem Bachelor beworben, solange ich die Masterzulassung nicht in der Tasche hatte. Ich hätte kein Problem gehabt vernünftig bezahlte Arbeit zu finden.
13.November 2009 at 07:29
Die EU war und ist ein Fehler.
Alles was an der EU kritisiert wird, ist nur eine Folge davon, dass es sie überhaupt gibt.
Also, raus aus der EU, Ärmel aufkrempeln, zupacken.